Ein Blick in die Trickkiste für besondere Oberflächen

Restauratorin Helene Winker zu den Arbeiten in der Schlosskirche

Katharina Göhr spricht im August 2025 mit Helene Winker, der Projektleiterin der Restaurierungsarbeiten in der Schlosskirche, über die laufende Renovierung.

Stellen Sie sich zu Beginn gerne kurz vor: wie sind Sie zu uns hier in die Schlosskirche gekommen und was ist Ihre Aufgabe?
Ich heiße Helene Winker und ich arbeite für die Firma Aedis. Das ist eine Firma, die sich auf Denkmalpflege spezialisiert hat. Ich bin dort in der Abteilung, die die Restaurierungsprojekte ausführt. Wir haben auch Kollegen, die Architekten sind und die Projekte planen. Aber unsere Abteilung besteht aus Restauratoren, Kirchenmalern und auch Steinmetzen und Stuckateuren. Die Firma Aedis sitzt hinter Plochingen in einem kleinen Ort namens Ebersbach-Roßwälden, den man nicht kennen muss, aber wir sind aus der Gegend und wir freuen uns natürlich, wenn wir feststellen, dass da ein Projekt in der Nähe gestartet wird, und auch so etwas Hochkarätiges wie hier. Daher haben wir uns auf die Ausschreibung des Landes dafür beworben, hier alle Oberflächen zu bearbeiten, die aus Putz, Stuck, Farbe und Gold sind. Und das betrifft fast alle Oberflächen hier. Es gibt noch ein bisschen Holz und Stein, aber alles andere ist Putz und Stuck. Auch vieles, was wie Holz aussieht, ist angemalter Stuck. Was wie Stein aussieht, ist immer noch Stuck. Und auch, was wie Marmor aussieht, ist gemalt. Es ist toll, welche verschiedenen Oberflächen und hochwertigen Techniken es hier gibt. Und die haben wir jetzt alle in unserer Zuständigkeit.

Stuck-Verzierungen an der Emporenbrüstung
Stuckarbeiten an der Emporenbrüstung

Sie bearbeiten wirklich alle Oberflächen der Kirche?
Ja, genau. Wir sind jetzt seit Oktober 2024 hier tätig und bearbeiten – laut Ausschreibung – 1.500 Quadratmeter Oberfläche. 1.500 Quadratmeter – das klingt groß. Aber man muss bedenken, dass hier wirklich alle Oberflächen zu bearbeiten sind. Es gibt zum Beispiel die Emporenbrüstung, die von mehreren Seiten zu bearbeiten ist. Das dauert dann auch seine Zeit.

Bis vor kurzem war das Gerüst hier in der Kirche noch viel größer.
Genau, in der Mitte des Raums war das Gerüst komplett nach oben gebaut, dass man auch an der Decke überall hingekommen ist. Wir haben die Deckenflächen und die Wandflächen oben zuerst bearbeitet, dass das Gerüst nun schon wieder raus konnte. Jetzt haben wir immer noch genug zu tun, aber können mit kleinen, mobilen Gerüsten arbeiten und mit ihnen alle Stellen erreichen.

Ist die Firma Aedis spezialisiert auf Sakralbauten oder machen Sie auch andere Gebäude?
Wir sind spezialisiert auf Denkmalgebäude. Und das sind oft Kirchen. Aber es können auch andere, profane Sachen sein, etwa Schlösser, Burgen, Fachwerkhäuser und zunehmend auch Bauten aus Beton. Das ist wirklich ein breites Spektrum.

Können Sie mehr zu den Oberflächen erzählen, die sie hier bearbeiten? Zum Beispiel über den „falschen“ Marmor.
Es gibt Stellen, die wurden erst verputzt und dann wurde der Marmor aufgemalt. Zum Schluss kam dann noch ein Überzug darauf, der etwas glänzt, damit es noch mehr den Effekt von echtem Marmor hat. Es gibt aber auch Stellen, an der eine andere Technik genutzt wird: der Stuckmarmor. Das bedeutet, es wird eine ganze, durchgefärbte Putzschicht von ein bis zwei Zentimetern aufgebracht, in die diese Struktur und Aderung eingeknetet ist. Das ist fast noch aufwendiger als die andere Technik.
Dann gibt es auch andere Oberflächen. Etwa die Muster, die an vielen Wänden sind. Sie sind schabloniert. Das heißt, aus Papier wird ein Muster ausgeschnitten und dann wird Farbe durch die Schablone auf die Wand getupft.
Es gibt auch viel profilierten Stuck, wie zum Beispiel die Schnecken, die Köpfe, die Kapitelle, das imitierte Maßwerk. Das ist alles Gipsmaterial, das geformt oder gegossen, dann anmontiert und entsprechend gestrichen wurde, um Holz oder Stein zu imitieren.

Die Schablonentechnik     Holzimitat aus Stuck
Wandbemalung mit der Schablonentechnik                 Holzimitat aus Stuck

Ach, das ist kein Holz? Das erkennt man wirklich kaum, ohne den geübten Blick.
Wenn man ein bisschen näher hingeht, dann kann man es sehen. Aber der Eindruck, wenn man hier hereinkommt, ist der, dass es Holz ist.
Dann haben wir auch verschiedene Vergoldungen. Es gibt Blattgold, bei dem feine Plättchen aus Gold aufgelegt und dann aufgeklebt werden. Es gibt aber auch gemaltes Gold, das man mit so einer Art Metallic-Farbe malt. Effektmäßig ist das etwas ganz anderes und es sind beides ganz unterschiedliche Herangehensweisen, in der Herstellung und auch in der Reinigung und bei Retuschen. Für jede Oberfläche braucht man wieder andere Materialien und andere Techniken.
Hier in der Schlosskirche ist außerdem eine besondere Herausforderung, dass die allermeisten Oberflächen ihre Festigkeit verloren haben. Wenn man mit der Hand entlangstreifen würde, dann hätte man die Farbe an der Hand. Man kann es also eigentlich nicht berühren, weil sonst ist die Farbe weg wäre. Für die Reinigung bedeutet das, dass man für jede Fläche besondere Techniken entwickeln muss. Kann ich da zum Beispiel mit besonderen Ziegenhaarpinseln nur leicht drüber fegen? Oder kann ich Trockenreinigungsschwämme verwenden? Das muss man an jeder Oberfläche prüfen und immer aufmerksam sein. Die meisten Oberflächen hier sind übrigens auch wasserempfindlich. Der überwiegende Anteil der Flächen wurde also nur trocken gereinigt, denn wenn man sie mit Wasser berühren würde, würde die Farbe abgewaschen werden oder es könnte Flecken geben.
Also sollen wir hier alles schöner machen, aber am besten, ohne es zu berühren (lacht). Das ist herausfordernd, aber das ist auch das Tolle. Man kann so richtig in die Trickkiste greifen. Und wir haben auch viele gute Lösungen gefunden.

Vergoldungen
Verschiedene Vergoldungen

Können Sie noch die Methoden näher erläutern, die Sie nutzen? Wir hatten es ja schon von Ziegenhaarpinseln.
Wir nutzen tendenziell sehr kleine und weiche Werkzeuge, um nichts zu beschädigen. Für die Reinigung gibt es weiche Pinsel und Bürsten. Dann wird auch immer mit dem Staubsauger gearbeitet, sonst verteilt man den Dreck nur an andere Stellen. Außerdem gibt es verschiedene Trockenreinigungsschwämme, die wie Radierer funktionieren, oder Latexschwämme, die einen gewissen Klebefaktor haben, der den Dreck bindet. Für die wenigen Stellen, die man feucht reinigen konnte, gibt es natürlich auch kleine Mikroporen-Schwämmchen, die man auch waschen kann. Die halten etwas länger.

Wie hängt Ihre Arbeit mit den Lichtverhältnissen hier in der Kirche zusammen?
Bei der Arbeit hier muss man viel auf die Lichtverhältnisse achten. So ändert sich etwa der Glanzgrad der Oberflächen mit dem Licht. Hier war jetzt lange das große Gerüst drin. Das hat das Licht natürlich verändert. Und da gab es schon auch ein Restrisiko: Wie wird alles aussehen, wenn das Gerüst weg ist? Sieht es da plötzlich anders aus? Aber es hat alles geklappt – es gab keine Überraschungen (lacht).

Haben Sie eine ungefähre zeitliche Einschätzung für mich? Wie lange dauert beispielsweise so ein Stuck-Kopf in der Restaurierung?
Das weiß ich nicht ganz genau. Aber ich kann sagen, dass an der Außenseite der Brüstung zum Raum hin schon drei bis vier Leute für vier Wochen beschäftigt waren. Das dauert seine Zeit. Ich kann als Beispiel eine Retusche-Arbeit hier an der Brüstung schildern. In diesem blauen Streifen mit den Blättern wird es immer ein wenig heller zwischen den Blumen, dann wird es wieder dunkler. In den helleren Bereichen war die Originalfassung durchgerieben, als wir angefangen haben. An einigen Stellen war aber auch noch die Originalfarbe vorhanden, ein leuchtendes Blau. Man hat sich dann überlegt, was hier zu tun ist, und entschieden, dass man diese hellen Stellen leicht retuschiert, dass das Band wieder einen einheitlichen Eindruck erweckt und nicht immer unterbrochen ist von diesen hellen Flecken. Aber nicht so, dass man alles neu streicht, weil wir überwiegend wieder die Originaloberfläche zeigen wollen und nicht etwas Überstrichenes. Um den Mittelweg zu erreichen, wurden auf diesen hellen Bereichen lauter winzige Striche nebeneinandergesetzt. Wenn man jetzt von fern schaut, denkt man, das es leicht durchscheinend ist. Und wenn man aus der Nähe schaut, sind es einfach lauter kleine Striche nebeneinander. Diese Technik heißt Strichretusche, das ist eine übliche Technik in der Restaurierung. Sie hat den Vorteil, dass man jederzeit erkennt, was original ist und was jetzt in der Restaurierungsphase neu gemacht wurde. Diese Technik bedeutet aber auch einen Zeitfaktor – es dauert einfach eine Weile, das anzubringen.

Blaues Band an der Emporenbrüstung
Blauer Zierstreifen an der Emporenbrüstung

Haben Sie eine Lieblingsstelle hier?
Puh… das ist schwierig. Der Stuckmarmor macht mir gerade besonders viel Spaß. Wir führen hier gerade Kittungen durch, die zum Originalmaterial passen müssen. Das ist eine schöne Sache, das auszutüfteln und einzubringen. Es kommt auch Farbe mit dazu, mit der man diese Marmorierungsstruktur einbauen kann. Ich freue mich, weil ich glaube, dass wir da ein schönes Ergebnis hinbekommen. Diese Aufgabe gibt es auch nicht so häufig, das kommt nicht so oft vor. Wobei es einiges hier in der Kirche gibt, bei dem man sagen kann: oh, das ist jetzt auch mal toll (lacht).

Marmorierte Wandfläche
Marmorierte Wandfläche

Wie sah die Zusammenarbeit mit uns von der Stiftsmusik für Sie aus?
Hier gibt es immer mal wieder Informationsaustausch oder auch Führungen, wie bei dem Orgelspaziergang im April. Da waren richtig viele Leute da. Manchmal guckt hier auch jemand durch die Seitentür – man weiß schon, wenn diese Tür aufgeht, dann ist es jemand von der Stiftsmusik oder von der Stiftskirche. Das ist eigentlich immer schön. Da gibt es schöne Feedbacks, weil das oft Leute sind, die die Kirche viel länger kennen als ich. Und es ist ein schönes Feedback, dass den Leuten auffällt, dass etwas gemacht wurde. Wir gehen hier sehr sachte vor und an vielen Stellen werden die Originaloberflächen erhalten. Da kann auch mal der Effekt entstehen, dass es nach der Restaurierung für viele immer noch fast unverändert und „alt“ aussieht. Und das ist hier gar nicht der Fall. Es hört sich bisher so an, als würde es den Leuten gefallen.

Wie lange sind Sie jetzt noch hier beschäftigt? Gibt es schon ein ungefähres Enddatum?
Ich denke, wir sind Ende September oder Anfang Oktober fertig. Und dann kommen noch einige andere Arbeiten. Für die Holzflächen wird noch jemand kommen, es wird noch Technik verbaut und die Gerüste müssen raus. Dieses Jahr wird es also noch dauern. Und dann kommt am Anfang des nächsten Jahres die neue Orgel rein. Aber wir für unseren Part sind voraussichtlich im Oktober fertig und wollen unsere Arbeit noch schön abschließen. Dann wird es sein, als wenn nie was gewesen wäre (lacht).

Das war sehr spannend. Herzlichen Dank, liebe Frau Winker.

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